40 Jahre
 Katholische Kirchengemeinde Kirchentellinsfurt, Kusterdingen und Wannweil

von Werner Pasler 

40 Jahre Wannweil

von Anton Durner

I. Vorgeschichte

Am 1. November 2000 konnte die Kirchengemeinde ihr 40jähriges Bestehen feiern. Wenn man die Entstehung und Entwicklung nachvollziehen will, muß man allerdings ins Jahr 1936 zurückgehen. Für die damals 80 Katholiken aus Kirchentellinsfurt und Kusterdingen, die zur Kirchengemeinde St. Johannes in Tübingen gehörten, wurde in Kirchentellinsfurt, im Privathaus des Apothekers Fleiner (heute Einhornstraße 1), ein Raum angemietet, in dem 35 Personen Platz hatten. Dort wurde 2 mal monatlich ein Gottesdienst abgehalten. 1937 kamen die Katholiken von Wannweil hinzu. Wannweil war in diesem Jahr von Reutlingen nach Tübingen umgepfarrt  worden. Als Priester, die dort vor 1948 Gottesdienst hielten, sind Pater Dr. Georg Söll (Benediktbeuren) und Prof.. Dr. Heinrich Fries erwähnt, die beide an der theologischen Fakultät der Universität Tübingen beschäftigt waren.

II. Die Ära Dr. Teichtweier

Zum 1.9.1948 errichtete die Pfarrei St. Johannes in Tübingen in Kirchentellinsfurt eine Seelsorgestelle. Die Leitung wurde Herrn Kaplan Dr. Georg Teichtweier übertragen, der in Tübingen habilitierte.

Teichtweier wurde 1913 in Rohr in Niederbayern geboren und am 29.3.1937 in Passau zum Priester geweiht. 1939 – 1944 wurde ihm Religionsunterrichtsverbot erteilt. Außerdem wurde er von den Nazis zu einer Geldstrafe verurteilt, wegen der Verbreitung falscher Vorstellungen über die Ursachen und Ziele des 2. Weltkrieges. 1956 erhielt er einen Ruf an die philosophisch-theologische Hochschule in Passau. Dort lehrte er bis 1962 Moraltheologie und war zeitweilig auch Rektor dieser Hochschule. 1962 wurde er an die Universität Bochum berufen und 1964 folgte er einem Ruf an die Universität Würzburg. An beiden Hochschulen lehrte er Moraltheologie. In Würzburg wurde er 1979 emeritiert.

Im Januar 1993 verstarb Prof. Teichtweier und wurde am 28.1.1993 in Lengfeld bei Würzburg zu Grabe getragen. Seine treue Haushälterin, Frau Kling, die ihn auch in Kirchentellinsfurt versorgte, war schon einige Jahre früher verstorben.

1950 erreichte Dr. Teichtweier, daß erstmals für 6 Kinder in Kirchentellinsfurt eine eigene Erstkommunion gefeiert werden konnte. Die ersten  Überlegungen zum Bau einer eigenen Kirche für die inzwischen auf 280 Katholiken angewachsen Seelsorgestelle wurden  in dieser Zeit angestellt. Der starke Zuwachs war eine Folge der Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg. Heimatvertriebene und Flüchtlinge fanden in den Gemeinden der Seelsorgestelle Arbeit und damit eine neue Heimat und trugen zum Wachstum der bürgerlichen Gemeinden und der Seelsorgestelle bei. Dr. Teichtweier hat sehr viel dazu beigetragen, daß den Neubürgern das Einleben unter schwierigen Bedingungen erleichtert wurde.

Am 21.9.1952 war es so weit. Am Mühleweg wurde der Grundstein für die neue Kirche Christus Friedenskönig von Dekan Weikmann gelegt. Die Pläne stammten von dem Lustnauer Architekten Helmut Bastgen. Sowohl bei den schwierigen Erdbewegungsarbeiten als auch beim Rohbau wurde von den Gemeindemitgliedern kräftig mitgeholfen. Für die Finanzierung sorgte neben der Diözese Dr. Teichtweier mit Bettelpredigten im Dekanat.

Am 9.6.1953 wurden 2 Glocken in der fast fertigen Kirche geweiht und aufgehängt. Geliefert wurden sie von der Glockengießerei Kurtz in Stuttgart.

Am 14. Juni 1953 war der große Tag gekommen. Die neue Kirche wurde von Diözesanbischof Carl Joseph Leiprecht geweiht. Vorausgegangen waren dem Weihetag 3 Abendgottesdienste, jeweils gehalten von den früheren Seelsorgern Dr. Söll und Prof. Fries. Den abschließenden 3 Gottesdienst hielt am Vortag der Weihe der Bischof selbst.

Der damalige „Kirchenrat“  der Seelsorgestelle setzte sich 1953 aus den Herren Alfred Boenke, Wannweil, Julius Belge, Kusterdingen, Hans Dürr, Kirchentellinsfurt, Helmut Huber, Kirchentellinsfurt und Fritz Pregitzer zusammen. Mesnerin der neuen Kirche war über viele Jahre Frau Berta Hepper, die Schwiegermutter von Helmut Huber. 

An der Kirchweihe nahmen auch die evangelischen Pfarrer von Kirchentellinsfurt (Schlum-berger) und Wannweil (Schüle) teil. Den Pfarrer von Kusterdingen (Klein) vertraten einige Kirchengemeinderäte. Von den politischen Gemeinden nahmen die Herren Bürgermeister (Wolf,Kirchentellinsfurt, Obermüller, Wannweil, und Diebold, Kusterdingen) teil. 

Im neuen Kirchengebäude befand sich über der Sakristei ein kleiner Raum, der für die Jugendarbeit genutzt wurde, die sich in den folgenden Jahren sehr lebhaft entwickelte.

Am 16.9.1956 weihte ein Franzikanerpater aus dem Weggental den neuen Kreuzweg für die Kirche. Die 14 Stationen (50x40 cm groß), vom Bildhauer Georg Gebhart in Lindenholz gehauen, kostete je Stück 100,-- DM. Der Kreuzweg befindet sich heute im Gemeindezentrum in Kirchentellinsfurt.

Im Sept./Oktober 1956 fand in Wannweil und Kusterdingen eine Zeltmission statt. Der Kapellenwagen stand auf dem Schulhof in der Eisenbahnstraße in Wannweil. Die Patres aus Königstein besuchten alle katholischen Familien. Der Abschlussgottesdienst fand in Kusterdingen auf dem Sportplatz statt.

Am 3. Mai 1957 feierte Kaplan Dr. Georg Teichtweier seinen Abschiedsgottesdienst. Er folgt dem Ruf an die Hochschule in Passau.

III. Mit Anton Durner auf dem Weg zur eigenen Pfarrei

Der neue Seelsorger, Kurat Anton Durner, feiert seinen ersten Gottesdienst am 15. Juni 1957. Anton Durner wurde am 14.3.1930 in Ulm geboren und am 25.7.1954 zum Priester geweiht.

Im September 1957 wurde die Kirche mit einem 7 qm großen Wandteppich ausgeschmückt, der als Hintergrund zum Kruzifix gestaltet war. Die Künstlerin Eva-Maria Boenke-Hesper aus München war eine Verwandte der Familie Boenke aus Wannweil. Gestiftet wurde der Wandteppich von Herrn Paul Steinhauser, Wannweil.

Kurat Durner führte1958 in Kirchentellinsfurt die Fronleichnamsprozession ein. Die Prozession führte vom alten Schulhaus über die Alte Steige/Villastraße über die Neue Steige zur Kirche. Die Monstranz trug 1958 der damalige Tübinger Studentenseelsorger Graf Adelmann.

Der Kirchenstiftungsrat von St. Johannes in Tübingen beschließt am 4. Februar 1959, in Rottenburg für Kirchentellinsfurt eine Pfarrverweserei zu beantragen. Daraufhin wurden Wahlen zur Ortskirchensteuervertretung durchgeführt mit folgendem Ergebnis:

Mitglieder: 

Vertreter:

Helmut Huber

Egbert Regenbrecht

Alfred Boenke

Fritz Pregitzer

Gerhard Kaiser

Wilhelm Höß

Rudolf Prettl

Ferdinand Kist

Heinz Laule

Johann Spandler

Josef Unger

Elisabeth Waldhoff

Karl Hokenmaier

Maria King

Beate Hipp

Peter Schramm

Julius Belge

Johann Schwab

Hans Dürr

Brunhilde Aikelin

 

IV. Die Pfarrei Christus Friedenskönig wird errichtet und baut

Das Kultusministerium Baden-Württemberg gibt am 14. Juli 1960 die Errichtung der Kirchengemeinde Christus Friedenskönig, zu der die politischen Gemeinden Kirchentellinsfurt, Kusterdingen, Jettenburg und Wannweil gehören, bekannt. Kusterdingen und Jettenburg waren damals noch selbständige Gemeinden ohne Teilorte. Die Kirchengemeinde hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 1.100 Seelen.

Mit Urkunde vom 28. 10. 1960, unterzeichnet von Bischof Carl Joseph Leiprecht, wird auf 

1.11.1960 in Kirchentellinsfurt die Pfarrei „Christus Friedenskönig“ errichtet.

Etwa 2 Wochen später erfolgte die Investitur des bisherigen Pfarrverwesers Anton Durner zum Pfarrer der Gemeinde.

Am 1.10.1960 war schon mit dem Bau des Pfarrhauses im Weilhauweg 12 begonnen worden.

Die Pläne stammten vom Bruder des damaligen Pfarrers, Georg Durner aus Ulm. Der Einzug des Pfarrers und seiner Haushälterin Cäcilia Wolpert wurde am 1.8.1961 gefeiert. Die Gastfreundschaft, die damals mit einzog, ist diesem Haus bis heute erhalten geblieben.

Schon im Februar 1960 hatte Pfarrer Durner von einem Wannweiler Bauern einen Bauplatz in der verlängerten Grießstraße, entlang des Firstbaches erworben. Dieser wurde vom Reutlinger Kreisbauamt jedoch als ungeeignet für einen Kirchenbau angesehen. Mit der politischen Gemeinde erfolgte ein Tausch mit einem Grundstück am Ende der Rosen- und Nelkenstraße, als dem heutigen Standort der Kirche. Man hatte auch hier Bedenken, dass der nahe gelegene Sportplatz zu laut und damit für eine Kirche störend sein könnte.

1962 löste in der Kirchentellinsfurter Kirche eine kleine Orgel das bisherige Harmonium ab. Im gleichen Jahr wurde in Wannweil ein Basar organisiert und es wurden erstmals Steuerbescheide für Kirchensteuer aus Grund- und Gewerbesteuermessbeträgen versandt. Beides sollte  zu den notwendigen Eigenmitteln für den Kirchenbau in Wannweil beitragen.

Im Sommer 1963 wurde der Öffentlichkeit das Modell der neuen Kirche vorgestellt und am 27.10.1963 wurde der Grundstein für die Kirche durch Dekan Weikmann gelegt(Architekt war der Bruder des Pfarrers, Georg Durner, Rohbauunternehmer das Gemeindemitglied Eckert aus Wannweil).

Zur Finanzierung der Kirche wurde eine Lotterie vorbereitet, die im Sommer 1964  nach dem Richtfest startete. 50.000 Lose zu 1 DM mussten in vielen Dekanaten, vor allem im Oberland, verkauft werden. Sonntag für Sonntag waren Gemeindemitglieder –Jugendliche und Erwachsene-  unterwegs um nach den Gottesdiensten Lose zu verkaufen. Da die Preise attraktiv waren, wurde die Lotterie ein voller Erfolg. Hauptgewinne waren ein VW-Käfer und eine Waschmaschine. Die Glücksfee spielte damals die Tochter des Vorsitzenden des Kirchenstiftungsrates, Dorothee Prettl. 

Am 6.12.1964 wurde die neue Kirche vom Diözesanbischof Carl Joseph Leiprecht dem Heiligen St. Michael geweiht. Neben der Sakristei hatte die Kirche einen kleinen Gemeinde- bzw. Jugendraum und war unterkellert. Die Jugendlichen nutzten allerdings lieber einen der Kellerräume. Außerdem war ein Kindergarten für eine Gruppe errichtet worden.

Der Namenspatron war eine Referenz an die vielen Wannweiler Katholiken, die aus Sackelhausen, im rumänischen Banat, stammen und deren dortige Heimatkirche ebenfalls dem Hl. Michael geweiht war.

An der NW-Fassade der Kirche ist eine Michaelsgestalt angebracht. Das Bildnis wurde von Alois Teufel entworfen und ausgeführt. Es handelt sich um eine Sgraffitoarbeit.

Da die Gemeinde weiter wuchs, sahen die Verantwortlichen der Gemeinde schon bald die Notwendigkeit, auch für die Kusterdinger Gemeindemitglieder eine Kirche zu bauen. Die Diözese hatte Mitte der 60er Jahre ein Fertigteilkirchenprogramm aufgelegt und auch unsere Gemeinde bekam in Kusterdingen einen Kirchbau genehmigt. Mitte Juni des Jahres 1966 wurde bereits Richtfest gefeiert und am 9.10.1966 weihte Weihbischof Wilhelm Sedlmeier die Kirche dem Heiligen Stephanus. Neben der Kirche wurde ein kleiner Gemeinderaum eingerichtet. Das Untergeschoss eignete sich als Jugendraum. Auch für Kusterdingen wurde ein ordentlicher Finanzierungsbeitrag durch Bettelpredigten in anderen Dekanaten zusammen-getragen.

V. Rückblick auf die Jahre mit Anton Durner

Am 13.6.1974 wurde Anton Durner nach 17jährigem Wirken verabschiedet. Er und seine Haushälterin Cäcilia Wolpert gingen in die Pfarrei Denkendorf. Danach war Pfarrer Durner Krankenhausseelsorger im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1995. Er lebt heute in seinem Haus in Esslingen-Zollberg und unterstützt den Gemeindepfarrer beim Halten von Gottesdiensten. Außerdem ist er unverändert in der kirchlichen Weiterbildung aktiv. Cäcilia Wolpert ist mit 60 Jahren(1980) in Ruhestand gegangen, den sie in ihrer hohenlohischen Heimat verbrachte. Dort starb sie am 18.4.1987 nach mehreren schweren Erkrankungen. Auch aus Kirchentellinsfurt waren ca. 10 Personen bei ihrer Beisetzung.

Die Ära von Pfarrer Durner war wesentlich geprägt vom II. Vatikanischen Konzil. Als Schüler von Karl Rahner, fiel es ihm nicht schwer, auf diese Neuerungen einzugehen und sie umzusetzen. Manchen Gemeindemitgliedern war das von ihm vorgelegte Tempo zu schnell, die jungen Gemeindemitglieder waren dafür umso begeisterter, wie er Christsein in der Gegenwart, in der Gesellschaft interpretierte. In diesem Geist wurden wichtige ökumenische Kontakte geknüpft. Sein Schwung und seine Unternehmungslust begeisterte Kinder und Jugendliche, letztlich auch deren Eltern, wobei es denen oft schwer fiel, ihn mit ihren Vorstellungen von einem Pfarrer in Einklang zu bringen.

Er gründete und leitete Jugendgruppen, zog Leiter heran, die dann selbst Gruppen aufbauten, sowohl in Kirchentellinsfurt als auch dann in Wannweil.  In Kusterdingen war dieses Unterfangen schwieriger umzusetzen. Dort wurde dafür ein Versuch „offener Jugendarbeit“ Ende der 60er Jahre unternommen. Dieser Versuch fand in der kirchlichen und politischen Gemeinde nicht nur Zustimmung.

Jährlich wurden Freizeiten für Kinder und Jugendliche organisiert. Ob in Zeltlagern, Berg- oder Skihütten, in angemieteten Häusern, für die allermeisten Teilnehmer waren dies die ersten Ferien/Urlaube. Die Eltern hatten  in der Regel in den Jahren vorher gebaut und es wurde gespart, um die Schulden zu bezahlen und nicht um in Urlaub zu fahren. Ministrantenausflüge, die Anmietung des Schlosses Einsiedel für die Jugendarbeit, Anfang der 70er/Ende der 60er Kontakte zur DDR, diese Aktivitäten sind  mit dem Namen Anton Durner verbunden.

In den Gottesdiensten wurde neue Formen praktiziert, wurden verstärkt Gemeindemitglieder einbezogen. Die Gemeinde profitierte von den guten Kontakten nach Tübingen. So feierten Professoren oder andere Priester aus dem universitären Umfeld Gottesdienste in unserer Gemeinde. Ein belebendes Element waren auch ausländische Priester, die in Tübingen promovierten oder ein Zusatzstudium absolvierten. Erinnert sei an Johannes Amougou aus Kamerun, der bei Prof. Küng promovierte. Er verließ Kirchentellinsfurt ebenfalls 1974 und ging 1976 in seine Heimat zurück. Er ist leider vor einigen Jahren überraschend verstorben.

Aufgrund seiner Initiative wurde von 1973 –1986 ein junger Theologiestudent aus Kamerun, Rigobert, von einzelnen Gemeindemitgliedern finanziell unterstützt. Die Federführung lag bei Familie Teufel aus Wannweil.

Pfarrer Durner gelang es immer wieder, junge Frauen als Helferinnen in unsere Gemeinde zu verpflichtet, entweder vor oder nach ihrer Ausbildung zu Gemeindereferentinnen. Die Mitarbeit von Margret Hahn (heute Baumhauer), Ingrid Stehle, Gaby Mann (heute Butscher) und Ingrid Satory (heute Marschalik) war vor allem in der Jugendarbeit und im Religionsunterricht sehr hilfreich.

VI. Acht Jahre mit Ludwig Härle

Investitur

Die Vakanzzeit zwischen dem Weggang von Pfarrer Anton Durner und der Dienstaufnahme von Pfarrer Ludwig Härle dauerte nur wenige Wochen , weil für die Neubesetzung der Stelle durch die Diözesanverwaltung genügend Zeit zur Verfügung stand. Bereits am 25.August 1974 fand die Investitur von Pfarrer Ludwig Härle statt.
In Freudenstadt am 7.8.1922 geboren und am 22.7.1951 in Rottenburg
zum Priester geweiht , gehörte Ludwig Härle zu jener Priestergeneration , die vor ihrer Weihe die schweren unfreiwilligen Erfahrungen von Krieg und Kriegsgefangenschaft in ihren Priester- und Seelsorgedienst bewusst mit einbrachten. Ebenso waren ihm seine Erfahrungen in der vorherigen Pfarrei in Möglingen bei Schwäbisch Gmünd sehr hilfreich für seinen Dienst in der Diasporagemeinde Kirchentellinsfurt. Seine Schwester Rosa zog mit ins Pfarrhaus ein und führte Ludwig Härle
den Haushalt. Beinahe zeitgleich wurde am 19.8.1974 dem Pfarrbüro erstmals eine Sekretärin zur Verfügung gestellt: Rosemarie Walker.

Schwerpunkte der Seelsorgearbeit

Mit dem Weggang von Pfarrer Durner aus Kirchentellinsfurt war ein tiefer Einschnitt in das Leben dieser Diasporagemeinde verbunden.
Anton Durner pflegte eine starke Offenheit für die neuen im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils ausgelösten Entwicklungen. Diese Offenheit war verbunden mit seinem unkomplizierten, agilen und besonders die Jugend ansprechenden , menschlich angenehmen und intellektuellen persönlichen Kommunikationsstil. Ludwig Härle hingegen war ein stiller, zurückhaltender, freundlich – bescheidener Seelsorger , der darauf achtete, seine Person möglichst nicht in den Vordergrund zu stellen .Hinzu kam seine eher im guten Sinn konservative Einstellung zu den Entwicklungen in der Kirche im Zusammenhang mit dem zweiten vatikanischen Konzil. Er stellte sich mit Elan und Zuversicht den schwierigen Anforderungen der neuen Gemeinde. Sehr schnell nach seinem Dienstantritt war er im Bild über die Nöte von Gemeindemitgliedern, sei es Not im materiellen Sinn, seien es seelische Nöte oder Sorgen des Alltags.

Ludwig Härle war ein aufmerksamer verständnisvoller Zuhörer, der jedoch auch seinen Standpunkt klar, aber nicht verletzend vertrat.
Besonders wichtig war es ihm als Pfarrer , die Beschlüsse des Konzils auch jenen älteren Menschen nahe zu bringen , die sich für die innerkirchlichen Entwicklungen nicht offen zeigten , weil sie sich im Verlauf des konziliaren Prozesses häufig von Amtsträgern nicht angemessen auf diese Entwicklungen vorbereitet bzw. dabei begleitet fühlten. Der Pfarrerwechsel führte daher naturgegeben zu unterschiedlichen Reaktionen in der Gemeinde. Viele bisher sich besonders von den Seelsorge- Schwerpunkten angesprochene Gemeindemitglieder zogen sich enttäuscht zurück. Manche verweigerten schlicht die weitere Mitarbeit in der Gemeinde. Andere - besonders in der älteren Generation - fanden sich jetzt besonders angesprochen, warteten jedoch zunächst die Entwicklung ab. Eine Reihe weiterer Gemeindemitglieder erkannte sehr schnell die menschlichen und seelsorgerlichen Qualitäten des neuen Pfarrers und stellte sich in der Folge für die Gemeindearbeit zur Verfügung, obwohl auch ihnen die neuen Entwicklungen in der Folge des Konzils sehr wichtig waren. Pfarrer Härle verhielt sich in dieser nicht einfachen Situation sehr klug. Er machte jedem einzelnen Gemeindemitglied deutlich, dass seine Mitarbeit, im Rahmen der jeweiligen persönlichen Möglichkeiten nicht nur erwünscht ist sondern auch vom ihm wertgeschätzt wird. Außerdem schenkte er denen, die sich engagierten, ein hohes Maß an Ver-trauen, das mit großer Handlungsfreiheit verbunden war. Er sorgte dabei in seiner nachdenklichen Art dafür, dass die Aktivitäten zuerst den Menschen in der Gemeinde dienten und sich auch in dem vom Konzil vorgegebenen Rahmen bewegten. Sein Bemühen, die Gemeinde zusammen zu halten, ließ ihn in seiner integren Menschlichkeit Kompromisse eingehen, die im Zweifelsfall dem jeweils Schwächeren eine echte Chance zur Integration in die Gemeinde gaben und dem Stärkeren etwas mehr zumuteten. Nachdem er einen sehr unkomplizierten Zugang besonders zu älteren Gemeindemitgliedern fand, nahm er Unterstützungsangebote im Blick auf jüngere Gemeindemitglieder offen und dankbar an. So bildeten sich rasch folgende Arbeitsschwerpunkte für die Amtszeit Ludwig Härles auf dem Hintergrund dieser grob umschriebenen Ausgangssituation heraus:

Neuaufbau der Jugendarbeit und Gründung der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG)

Da sich die Jugendarbeit zu dieser Zeit in einer besonders schwierigen Phase des personellen und inhaltlichen Umbruchs befand, mussten rasch neue Strukturen aufgebaut werden. Das dafür verantwortliche Mitglied des Kirchengemeinderats kam sehr schnell mit Pfarrer Härle zu der Überzeugung, dass angesichts der hohen Fluktuation der Kirchengemeindemitglieder und angesichts der Isolationsgefahr für die Jugendlichen dringend der Kontakt zu anderen Jugendgruppen auf Dekanats- und Diözesanebene aufgebaut werden muss. Deshalb wurden Ferienfreizeiten und der Besuch von Veranstaltungen besonders auf Dekanatsebene stark gefördert. Neben der KJG waren alternativ die St. Georgs- Pfadfinder wegen ihrer damals hohen Aufgeschlossenheit sowohl für die Fragen junger Leute als auch für die Veränderungen in Kirche und Gesellschaft in den näheren Überlegungen zur Gemeindejugendstruktur. Den Ausschlag bei der Entscheidung gab schließlich die breitere Zielgruppe, die durch die KJG in der Gemeinde abgedeckt werden konnte. Außerdem konnten damals noch Pauschalbeträge für die Mitglieder der Pfarrjugend an die Diözese abgeführt werden, die keine zusätzliche Listenführung über Mitglieder erforderlich machten. Im Rückblick betrachtet war die Entscheidung für die KJG richtig und nachhaltig.

Die Gründung der KAB – Gruppe 1978

Die KAB sollte den Fragen und Problemen der arbeitenden Menschen - besonders auch in der industriellen Arbeitswelt- im Raum des kirchlichen Lebens Gehör und Berücksichtigung verschaffen. Als Leiter des Katholischen Volksbüros in Reutlingen ergriff Rudi Wünsche im Rahmen seines Aufgabengebietes die Initiative zur Gründung der KAB-Gruppe, die sich zur damaligen Zeit als gemeinsame Gruppe aller Teilgemeinden verstand und ihre Aktivitäten auch strikt so gestaltete. Ein besonders wichtiger Schwerpunkt - unter anderen – war damals der Versuch, den freundschaftlichen Kontakt mit den „Gastarbeitern“ in Zusammenarbeit mit ihren Missionen zu vertiefen, zu pflegen und soweit notwendig und möglich ihnen Hilfestellung bei der Bewältigung von Alltagsproblemen zu leisten. Zum ersten Vorsitzenden wurde Alois Schober gewählt.

Gründung eines Frauenkreises in Kirchentellinsfurt 1980

Pfarrer Härle hatte offensichtlich an seinen früheren Dienstorten ausgesprochen gute Erfahrungen mit Frauenkreisen gemacht. Er setzte sich über damals bestehende Bedenken in der Gemeinde hinweg, die Gründung eines getrennten Frauenkreises könnte zu sehr zur erneuten Verfestigung der tradierten Frauenrollen in der Kirchengemeinde beitragen. Pfarrer Härle behielt Recht. Der Frauenkreis hat sich zu einer für das Gemeindeleben wichtigen Institution entwickelt. Die Emanzipation der Frauen erlitt keinen Schaden.

Einführung von Kommunionhelfern

Pfarrer Härle war eine seelsorgerliche Begleitung von kranken Menschen in der Gemeinde sehr wichtig. Er griff deshalb die Möglichkeit zur Bestellung von Kommunionhelfern gerne auf. Zu seiner Entlastung wechselte er sich mit dem Kommunionhelfer bei der Krankenkommunion ab. Dabei unterstützte er das Anliegen der ersten Kommunionhelfer sehr, dass diese keine hervorgehobene Rolle während der Eucharistiefeier zu spielen hatten, sondern als Vertreter der Gemeinde und aus der Versammlung der Gläubigen heraus ihren Dienst ausübten. Man war sich damals einig, dass möglichst viele Mitglieder der Gemeinde an der Gestaltung des Gottesdienstes mitwirken und sich dafür verantwortlich fühlen sollten. Diese Tradition hat sich bis heute in wesentlichen Teilen erhalten.

Gründung der „ Schola“ 1976

Um den liturgischen Gesang zu bereichern, der sich aufgrund der Veränderungen in der Folge des Konzils erst wieder neu ordnen musste, wurde die „Schola“ gegründet. Sie sollte den Gesang der Gläubigen unterstützen und zusätzlich eigene Beiträge zur Bereicherung des Gottesdienstes leisten.

Hartmut Wolter hat sich in dankenswerter Weise damals spontan auf die Bitte eines Kirchengemeinderates hin zur Leitung der Schola bereit erklärt. So hat er im Laufe der Jahre mit die Grundlage für den heutigen Kirchenchor geschaffen.

Bau des Gemeindezentrums in Kirchentellinsfurt

Die aktuelle Gruppenarbeit und Veranstaltungen der gesamten Kirchengemeinde waren damals nur unter sehr erschwerten Bedingungen zu organisieren. Dabei standen in den Teilgemeinden ca. ein- bis zweimal jährlich eine Gemeindehalle oder ein Gemeindehaus zur Verfügung. Die eigenen Räume waren weder für die Jugendarbeit noch für die Erwachsenenarbeit hinreichend geeignet.

1973 erfolgte der Grundsatzbeschluss des Kirchengemeinderates zum Bau eines Gemeindezentrums in Kirchentellinsfurt .

1973 erkennt die Diözese die pastorale Notwendigkeit des Bauvorhabens an.

15.2.1975 Im Rahmen einer Gemeindeversammlung wird das Projekt „Gemeindezentrum in Kirchentellinsfurt“ sehr kontrovers diskutiert.

11.7.1977 Die Architektengruppe KOOP aus Waiblingen wird mit der Baubetreuung beauftragt. Der Entwurf kam mit seinem „Zeltcharakter“ dem Bild des Konzils von der „Kirche als pilgerndem Gottesvolk“ sehr nahe und fand die mehrheitliche Zustimmung in der Gemeinde.

1978 erfolgt die Baugenehmigung durch das Ordinariat in Rottenburg und dessen Zusage für finanzielle Unterstützung.

1978 wird der Bau durch das Landratsamt in Tübingen genehmigt.

25.3.1980 Der erste Spatenstich wird an der Ecke Peter- Imhoff- Straße / Kirchfeldstraße unter reger Teilnahme der Gemeindemit-Glieder vollzogen.

29.6.1980 An diesem Tag erfolgt die Grundsteinlegung.

14.11.1980 Die Kirchengemeinde feiert das Richtfest für das Gemeindezentrum.

22. 11.1981 Mit der Weihe der Kirche und des Gemeindezentrums durch Bischof Georg Moser von Rottenburg erfolgt die Namensgebung für die Kirche : „Christus Friedenskönig“.


Der Bau des Gemeindezentrums schaffte die räumlichen Voraussetzungen für ein äußerst reges Gemeindeleben in den folgenden Jahren.
Die damals noch mehrheitliche Idee von der einen Kirchengemeinde konnte in den Folgejahren aufgrund struktureller Veränderungen und von starken Bestrebungen in den Teilgemeinden nur sehr mühsam aufrechterhalten werden. Die seit 1975 abgehaltenen „Bettelpredigten“ in verschiedenen Dekanaten unserer Diözese erwiesen sich als große finanzielle Hilfe wegen der Großzügigkeit der Katholiken in den Gebergemeinden. Diese Sammlungen waren jedoch genauso sehr eine große Ermutigung für die Beteiligten, in unserer Gemeinde dieses Projekt zu verwirklichen. Pfarrer Härle hat durch seinen Einsatz und seine Erfahrungen bei Bauvorhaben sehr dazu beigetragen, dass bis heute die Gemeinde eine solide Raumgrundlage für vielfältige Gemeindeaktivitäten in Kirchentellinsfurt zur Verfügung hat.


Vertiefung der ökumenischen Zusammenarbeit

Die ökumenische Zusammenarbeit in Kirchentellinsfurt erlebte eine starke Intensivierung zum Ende der Siebziger Jahre. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die große, freundliche Aufgeschlossenheit der drei verantwortlichen Gemeindepfarrer in Kirchentellinsfurt der Herren Roller (evangelische Gemeinde), Jauch (evangelisch-methodistische Gemeinde) und Härle (katholische Gemeinde) sowie einen Kreis ökumenisch aufgeschlossener Gemeindemitglieder aus den drei Kirchengemeinden. Dieser Austausch hat sicher nicht wenig zu der guten ökumenischen Zusammenarbeit und Atmosphäre in Kirchentellinsfurt beigetragen.

1978 erhält die Wannweiler Kirche zwei Glocken.

Die Finanzierung der Glocken erfolgte ausschließlich durch Spenden .Die Aktion wurde von Frau Rosa Härle initiiert .Sie verhalf dem bis dahin leer stehenden Wannweiler Kirchturm dazu, dass er mit seinem Geläut die Gläubigen zum Gottesdienst rufen kann.

Frühes Dienstende für Pfarrer Ludwig Härle

Gesundheitliche Gründe zwangen Ludwig Härle den Dienst vorzeitig mit 60 Jahren zu beenden. Seine Arbeit war gekennzeichnet war von persönlicher Bescheidenheit, religiöser Tiefe, starkem Engagement für die Gemeinde und offener, freundlicher Zuwendung zu den Menschen.


3.10.1982 Der Pfarrer feiert seinen Abschiedsgottesdienst in der Gemeinde


10.5.1996 Ludwig Härle stirbt in Schwenningen Beerdigt wird er in seiner Heimat Freudenstadt im Schwarzwald von seinem Freund und Studienkollegen Weihbischof Bernhard Rieger.


Alois Schober,21.8.2004
 

VII.  Die  Jahre von 1982 bis 1986

Erst 9 Monate, nachdem Pfarrer Härle Abschied gefeiert hatte, war wieder Investitur des neuen Pfarrers (10.7.1983). Unser Bischof hatte die Leitung der Gemeinde Pfarrer George Chelapurath, einem jungen Priester aus der südindischen Provinz Kerala übertragen. Den größten Teil der Vakanz hatte ebenfalls ein indischer Priester, Pater Jacob Thekeparmbil, der an der Universität Tübingen Literatur für den Aufbau eines ökumenischen Instituts in seiner Heimat zusammentrug, die Gemeinde versorgt.

Aufgrund einer unglücklichen  Vorgehensweise des Ordinariats im Hinblick auf die Vakanzregelung und die Besetzung der Pfarrstelle stand der Amtsantritt von Pfarrer George unter keinem besonders günstigen Stern. Pfarrer George war es ein besonderes Anliegen, das Gleichgewicht der verschiedenen Teilorte  innerhalb der Kirchengemeinde zu stärken. Während seiner Amtszeit wurde auch in Wannweil ein Frauenkreis gegründet. Am 24.8.1985 verließ Pfarrer George unsere Gemeinde und übernahm die Pfarrei in Leingarten.

Es folgte wieder eine Vakanz, in der wir vom Pfarrer der Lustnauer Kirchengemeinde, Libert Hirt mitbetreut wurden.

VIII. Die Amtszeit von Pfarrer Dr. Tomas Begovic

Anfang Oktober 1986 zog Pfarrer Tomas Begovic ins Pfarrhaus ein, der in Tübingen bei Prof. Hünermann promovierte. Um an seiner Promotion intensiv arbeiten zu können, bekam er Unterstützung von Pater Marco Micerda, der bei Prof. Kasper promovierte, und von Michael Holl, einem Theologiestudenten, der seinen Zivildienst bei uns ableisten konnte. Mario Keifel löste Michael Holl als Zivi ab.

Tomas Begovic wurde am 8.12.1951 in Kroatien geboren und kam nach Ableistung seines Wehrdiensts 1972 zum Studium nach Deutschland. Der Bischof von Hildesheim hatte ihm dies ermöglicht. Er studierte in Königstein und in Freiburg. Am 5.6.1977 wurde er in Hildesheim zum Priester geweiht.

Sein Investiturgottesdienst in Kirchentellinsfurt fand am 8. März 1987 statt. Im Pfarrhaus wurde in der Folgezeit angebaut, damit ausländische Priester, die in Tübingen studierten oder promovierten, eine Unterkunft haben. Auf diese Weise kamen Pater Edoardo/Peru und Amon Conway/Irland in die Gemeinde.

Am 29.9 1989 wurde uns vom Bischöflichen Ordinariat mitgeteilt, dass der Name unserer Gemeinde nunmehr „Christus König des Friedens“ lauten soll.

Zum 1.2.1992 wurden von Bischof Walter Kasper die Kusterdinger Teilgemeinden Immenhausen, Mähringen und Wankheim von St. Michael in Tübingen zu uns umgepfarrt. Damit gehört die Gesamtgemeinde Kusterdingen zur uns und die Kirchengemeinde wuchs um etwa 500 Gemeindemitglieder.

In den letzten 14 Jahren waren wir glücklicherweise immer wieder mit Gemeinde- und Pastoralreferentinnen/-assistentinnen versorgt. Das wirkte und wirkt sich sehr positiv auf die pastorale Arbeit in der Gemeinde aus.

Pfarrer Begovic war es wichtig, dass auch in Wannweil zusätzlicher Platz für die Gemeindearbeit geschaffen wurde. Im Juni 1991 wurde mit dem Bau eine Gemeindesaales auf dem Platz zwischen Kirche, Turm und Anbau nach den Plänen des Kirchentellinsfurter Architekten Rolf Malessa begonnen. Am 27. September 1992 konnte das architektonisch gelungene Bauwerk eingeweiht werden.

Der Verfasser will hier seine Ausführungen zunächst beenden und nimmt sich vor, die vielen Lücken, die noch bestehen, in der nächsten Zeit zu füllen. Er geht davon aus, dass dies mit Unterlagen aus der Registratur, Kirchengemeinderatsprotokollen usw. möglich sein wird. Ich hoffe außerdem, dass sich Gemeindemitglieder bereit erklären, die Zeit von Pfarrer Härle und von Pfarrer Georg mit Details zu ergänzen. Die gilt auf für andere Zeitabschnitte.

 Kirchentellinsfurt, den 25.11.2000

 

Der Kirchenbau in Wannweil
 

Vorbereitungen
Der Zuzug von Katholiken war sehr stark. Waren es 1957 etwa 800, so waren es 1960 fast schon 1200 Gemeindemitglieder, von denen die Mehrzahl in Wannweil wohnte. Ursprünglich hatte Wannweil pfarrlich nach Reutlingen gehört. Als aber 1953 in Kfürt das Kirchlein gebaut wurde, strebten die Wannweiler die Zugehörigkeit nach dort an und erhielten sie auch. Da aber die Platznot in der kleinen Kirche immer größer wurde und mit weiterem Anwachsen der Gemeinde zu rechnen war, entschloss sich der Kirchengemeinderat einen Kirchenbau in Wannweil anzugehen.

Das erste Problem war die Standortfrage. Es war deutlich zu spüren, dass von der bürgerlichen Gemeinde hier nichts zu erwarten war. Es waren gewisse Ängste in der Bevölkerung gegenüber den katholischen Donauschwaben vorhanden, die wirklich eine etwas fremde Kultur in den Ort brachte. Das rasche Anwachsen der Katholiken in Wannweil hing vor allem mit den Heimatvertriebenen aus Sackelhausen bei Temeschwar zusammen, die sehr zahlreich zuzogen und gemeinsam ein Haus nach dem anderen hinstellten. Es imponierte wohl, dass sie fleißige Leute waren, und in Nebenerwerbssiedlung noch Kleintiere hielten zusammen mit einem Acker, den sie von einem Einheimischen pachteten oder kauften. Aber schon die Tatsache, dass sie dafür vom Staat so viel Geld bekamen, musste verkraftet werden. Dann ihre Sprache, ihre Kleider und vollends ihre Eßgewohnheiten befremdeten sehr. Prof. Teichtweier hatte angeregt, dass ich jeden Sonntag von einer anderen Familie eingeladen werde.
So konnte ich die Menschen näher kennen lernen. Aber es war auch mir sehr fremd, was es da zu essen gab. Zuerst ein "Handl", das Abnagen der Beine war nicht gerade meine Stärke. Dabei wurde erzählt: In der Heimat haben wir immer ein Paar gekauft, anders gab es gar nicht. Danach kam aber erst der Braten, Fleisch in Mengen. Vergeblich hielt ich Ausschau nach einem Kartoffelsalat oder Spätzle. Man aß eben ein Stück Brot dazu. Und als Gemüse hatte man in einer großen Tasse etwas Paprika oder Essiggurken. Manche versuchten dann wie in der Heimat einen Wein zu keltern, hatten aber dabei nicht viel Glück. Immerhin gabs dann eine Most dazu. Danach kam aber als krönender Abschluss Kaffee mit wunderbarem Süßgebäck. Im Backen waren die Frauen wirklich Meisterinnen. Dass bei diesem Menu die guten schwäbischen Hausfrauen beim Einkauf in der Metzgerei über diese Leute nur den Kopf schütteln konnten, ist verständlich.

Wir durchkämmten in Gedanken und im Umhergehen den Ort, um einen Platz ausfindig machen zu können, wo wohl eine Kirche einen würdigen Platz finden könnte. Da kam Herr Eckert, der Bauunternehmer von Wannweil zu mir und erzählte: Er habe von der Gemeinde den Auftrag erhalten im Neubaugebiet eine Straße zu bauen. Als er mit seinen Geräten du Lastwagen mit Kies angefahren sei, kam ein Bauer voll Zorn auf ihn zu; er schreie ihn an, was er denn da wolle. Dieser Platz sei sein Eigentum, und um diesen Preis, den der Bürgermeister ihm biete, verkaufe er nicht. .
Wir beratschlagten. Aus Vorsicht ging Herr Prettel zu dem Bauer und verhandelte mit ihm mit der Absicht, selbst diesen Platz zu kaufen. Wenn ich mich recht erinnere, vereinbarten sie DM 10.50 pro qm. Als sie sich handelseinig waren, sagte Herr Prettel, er wisse noch einen anderen Interessenten, der 1 DM mehr pro qm bezahle. Auf die Frage, wer das sei, antwortete Herr Prettel: Der katholische Pfarrer! Nach einigem Zögern stimmte der Bauer zu. Das Geld vom katholischen Pfarrer stinkt nicht. So war die erste Voraussetzung erfüllt.

Jetzt ging es um die entsprechenden Mittel. Ich nahm Verbindung auf mit dem Ordinariat. Vermutlich ging dies parallel zur bisherigen Suche. Auf jeden Fall kam Generalvikar Hagen zu einem Ortstermin nach Wannweil, um sich den Platz anzusehen. Von ihm wird ja erzählt, dass er einmal jemand, der ihn mit "Euer Gnaden" angesprochen habe, antwortete: "Bei mir gibt es keine Gnade, sondern nur Recht!" Bei diesem Besuch in Wannweil war es aber sehr gnädig. Im Übrigen wirkte er wie ein kleines altes Männlein, sodass ein Sackelhauser Bauer, der dort draußen auf seinem Acker arbeitete, ihn ganz vertraut ansprach, nachher aber ganz erschrak, als ich ihm sagte, dass dies unser apostolischer Protonotar Dr. Hagen gewesen sei. Der Platz fand in seinen Augen Gefallen, und er gab grünes Licht zum Abschluss des Kaufvertrags; das Ordinariat übernimmt die Kosten.

So machten wir einen Termin beim Notar im Rathaus Wannweil. Als der Notar unser Anliegen hörte, war er ziemlich verduzt und eilte zum Bürgermeister Obermüller im nächsten Stockwerk, um diesen von dem Vorhaben zu informieren. Zusammen kamen sie zurück und wollten uns von dem Vertragsabschluss abbringen. Aber wir blieben standhaft und ließen uns nicht abweisen. Herr Obermüller argumentierte dagegen mit dem Verweis auf die damals noch notwendige Genehmigung durch das Landratsamt Reutlingen: "Einen Vertrag mit diesem Preis pro qm DM 11.50 werden Sie nicht genehmigt bekommen!"

Um diese Genehmigung entstand ein monatelanges Ringen. Dabei suchte ich Herrn Kruspe, den stellvertretenden Landrat auf, der als heimatvertriebener Katholik uns sehr gewogen war; aber wegen anderer Verträge, die ähnlich dem unseren einen höheren Preis hatten, konnte er ihn nicht genehmigen. Das Ganze ging aus wie das Hornberger Schiessen! Denn die Preisbindung wurde bald aufgehoben, und die Grundstückspreise gingen rasch weit höher. Nach der Fertigstellung der Kirche empfanden wir es als Genugtuung, dass die Gemeinde Wannweil zum Bau der Straße einige qm kaufen musste, die in der Zwischenzeit einen weit höheren Wert erhalten hatten. Denn die ganze Geschichte hatte uns einige Nerven gekostet.

Nun ging es um den Plan für den Bau der Kirche. Der Gedanke des wandernden Gottesvolkes war mir sehr nahe. Ich versuchte dies der Gemeinde zu vermitteln, die ja zum größten Teil aus der jeweiligen Heimat hierher gekommen war. Und so ergab sich die Zeltform der Kirche fast von selbst. Es war ja die beginnende Konzilszeit mit der Aufbruchstimmung des ganzen Gottesvolkes. Von dieser Idee her gestaltete mein Bruder Hansjörg den Plan, den wir beim Bischöflichen Ordinariat einreichten. Hier begann für uns wirklich ein Wüstenweg: Immer wieder wurden in der Sitzung dort Änderungen verlangt. Dann ging es jedes Mal zuerst wieder zum Gutachter, Pfarrer Breucha in Stgt. - Degerloch, um in der Sitzung noch einmal nicht genehmigt zu werden. Als ich einmal Done Grossmann (wie wir ihn nannten) fragte, wer von den Domkapitularen dagegen sei, sodass ich einmal vielleicht durch einen persönlichen Besuch etwas erreichen könnte, antwortete er: "Es ist niemand dagegen. Aber es sind Imponderabilien, die niemand in der Hand hat. Es ist schon eine Frage, zu welcher Zeit etwas in die Sitzung eingebracht wird, frühmorgens oder kurz vor dem Mittagessen; und wenn einer etwas dagegen sagt und ein anderer sich anhängt, dann schiebt man die Entscheidung noch einmal hinaus. Bei einem so jungen Architekt und Pfarrer sind immer noch mehr Möglichkeiten und Gedanken drin!" Das war mir auch für später eine wichtige Erkenntnis!

Ungefähr 2 Jahre zog sich diese Phase der Planung hin. Mit eine große Rolle spielte dabei die Frage der Fenster. Ursprünglich planten wir auf den Seiten zum Chor hin bunte Verglasung.

Wir hatten dazu nacheinander sowohl figürliche als auch abstrakte Entwürfe von bedeutenden Künstlern. Ärgerlich war, wenn nur die Antwort "abgelehnt" kam, ohne irgendeine Begründung. Jeder Schüleraufsatz erhält eine Beurteilung. Man kann uns wohl nicht verdenken, dass wir dachten: "Ja, wenn es von Wilhelm Geyer ein Entwurf wäre...!" Nicht umsonst wurde damals Breucha "Kulturpapst" genannt, der mit Geyer sehr verbunden war. Die Lösung damals war dann, dass die Seitenwände als Lamellen ausgeführt wurden. Ursprünglich war auch der Giebel wesentlich höher geplant, und die ganze Anlage ohne Turm. Erst auf Anregung von Grossmann bauten wir den Turm, denn wir wollten sparen. Er erklärte, dass wir dafür ebenso zweidrittel an Zuschuss erhalten; daraufhin entschlossen wir uns einen solchen zu bauen.

Dass außer Sakristei auch ein Raum für Jugend und Gemeinde gebaut werden muss, war für uns von Vom herein klar. Da bei der Spinnerei- Wannweil immer etwa ein Dutzend Mädchen oder junge Frauen innerhalb der Firma nicht gerade ideal untergebracht wohnten, dachten wir auch an den Bau eines Wohnheimes. Wurde ja in Reutlingen zu dieser Zeit eines für junge Männer gebaut und dazu gab es staatliche Zuschüsse. Es sind ja eine Reihe von Familien durch ihre Töchter, die in der Spinnerei arbeiteten, nach Wannweil gekommen; meist nach einem Zwischenaufenthalt in Bayern, wo es nur Arbeit beim Bauern gab. Als ich aber mit Caritasdirektor Mohn in Tübingen, der damals für Südwürtt. - Hohenzollern zuständig war redete, fiel die Entscheidung für einen Kindergarten, was sicher richtig war. Der Gedanke an ein Mädchenwohnheim hing auch mit unserem Kontakt mit dem Säkularinstitut St. Bonifatius in Heidenoldendorf zusammen, worüber ich an anderer Stelle berichten werde.

Es waren viele Hürden zu überwinden, bis wir mit dem Bau beginnen konnten: Telefonate, Sitzungen, Besprechungen, Behördengänge, Ausschreibungen, Verhandlungen und Entscheidungen. Daneben lief der finanzielle Teil: Bei rund einer halben Million musste die Gemeinde etwa für ein Drittel selbst aufkommen. Zu berücksichtigen sind die Verhältnisse der damaligen Zeit. Zunächst gab es Sammlungen in der Gemeinde: Den silbernen Sonntag im Monat im Gottesdienst und das Ansprechen der Gemeindeglieder von Wannweil persönlich. Dann machten wir mehrmals einen großen Bazar im bürgerlichen Gemeindehaus in Wannweil: Samstagabend mit Bewirtung und Unterhaltung, Sonntag Mittagtisch und Kaffeenachmittag mit großer Tombola. Dazu wurden alle Geschäftsleute um Spenden angeschrieben, die wir im Wohnzimmer von Oma Klaus, Mutter von Frau Hipp, sammelten: wir hatten ja keinen eigenen Raum in Wannweil. Das Auszeichnen der 300 Gewinne, das Aufstellen vor der Bühne und die Ausgabe der Gewinne erfordert allein schon ein gutes Organisationstalent. Dabei war uns beim ersten Mal Frau Hedi Kübel aus Regensburg behilflich, die dies schon an meiner Vikarsstelle in Heidenheim gemacht hatte.

Eine andere Geldquelle war das sog. Betteldekanat, das jedem Kirchbau zugewiesen wurde. Im ersten Jahr war es auf meinen Wunsch hin mein Heimatdekanat Ulm, wo ich in allen Gemeinden im Sonntagsgottesdienst eine Predigt halten und anschließend eine Kollekte halten durfte. Ich verkündigte immer zuerst die frohe Botschaft des Evangeliums. Dann aber versuchte ich mit konkreten Zahlen und Beispielen unsere Situation zu schildern, und dabei die Herzen und Geldbeutel zu öffnen. Als 2. Dekanat wurde uns das Dekanat Zwiefalten zugeteilt: Lauter kleine Dörfer auf der schwäbischen Alb. Ich war zunächst frustriert. Dann aber stellte sich etwas ganz anderes heraus: Ich hielt wohl wie üblich die Predigt im Gottesdienst, aber die Sammlung fand dort traditionsgemäß von Haus zu Haus statt. Also fuhren mit mir eine handvoll Leute los, und meist die Ministranten zeigten uns den Weg in die Häuser und Höfe. Dort waren zu dieser Zeit noch reiche Bauern, die jeweils einen ordentlichen Schein springen ließen, sodass im Endeffekt fast mehr zusammenkam als in den Stadtdekanaten. Ich weiß bis heute noch, dass wir in dem kleinen Dorf Tigerfeld mit 300 Einwohnern 1200 DM bekamen, eine Relation, die in der Stadt undenkbar war. Gleichzeitig wurde mir damals schon klar, wo die jungen Menschen von dort arbeiten, wenn ich begrüßt wurde: "Ich kenne Sie schon, Herr Pfarrer! Sie bringen Ihr Auto ja zu uns zum Kundendienst bei Max Moritz!"

Für den Kirchenbau in Kusterdingen bekamen wir die Dekanate Spaichingen / Tuttlingen zugeteilt. In den Landgemeinden dort ging dasselbe Spiel von Haus zu Haus. Das bedeutete, dass ich in einem Jahr fast 20 Sonntage auf Bettelpredigt war. Gleichzeitig musste ich ja Vertreter für die eigene Gemeinde besorgen. Ich danke heute noch den Promoventen und Assistenten von Tübingen dafür, meist Priester aus fremden Diözesen. Die Repetenten wurden von Dekan Weikmann heftig eingespannt, sodass ich dort nicht viel machen konnte. In dieser Zeit litt ich an Ischias. Unser Dr. Degenhardt sagte mir das schon. Ich ließ mir das in Heidenheim von einem Orthopäden bestätigen, dessen Tochter ich dort im Religionsunterricht hatte. Dieser schickte mich nach Tübingen in die BG - Klinik zu einem Prof. Kreuz, dessen Schüler er einmal in Königsberg war. Und der übergab mich an eine Lehrerin der Krankengymnastikschule, für deren Hilfe ich sehr dankbar war. Sie übernahm später eine Gruppe "Frauengymnastik", die unsere Margret Baumhauer (damals noch Hahn) ins Leben rief. In dieser Zeit konnte ich nur noch mit dem linken Fuß Auto fahren, und schleppte mein rechtes Bein beim Gang zum Altar nach. Es schmerzte und war sehr unangenehm, aber es erregte auch Mitleid mit dem armen Diasporapfarrer.

Eine große Aktion war der Verkauf von 50 000 Losen für den Kirchenbau. Wir haben dies Bernhard Glatz von Crailsheim nachgemacht, der Sepp Kuhnle von Künzelsau nachahmte, der später ja Weihbischof war. Wir informierten uns in Crailsheim, und planten ebenso: Zuerst Genehmigung vom Regierungspräsidium, Anschreiben der Pfarreien, in denen wir Lose verkaufen wollten, Veröffentlichung im Sonntagsblatt: l. Gewinn ein Volkswagen! Wir mussten ja 1/3el der Gesamtsumme als Preise nachweisen. Jeden Sonntag fuhren also einige Autos los, hauptsächlich mit Jugendlichen, die nach dem Gottesdienst die Lose verkauften. Sie machten allerdings eigenartige Erfahrungen in den katholischen Gemeinden, wie dort von manchen am Gottesdienst teilgenommen wurde. Leider konnten wir unsere 50 000 Lose in den vorgesehenen Gemeinden nicht losbringen, hier waren nun die Orte Südwürttembergs zu klein. Daher musste ich im Dekanat Laupheim und Biberach die Kollegen bitten, ebenso Lose verkaufen zu dürfen. Denn es mussten alle Lose verkauft sein, ehe an eine Ziehung der Gewinne zu denken war. Diese fand dann unter notarieller Aufsicht statt: Die kleine Dorothee Prettel durfte das große Los ziehen.

So kam nach und nach eine gute Summe zustande. Auch vom Bonifatiusverein erhielten wir 30 000 DM. Dennoch: Mit jeder Stufe eines neuen Entwurfs stiegen ebenfalls die Kosten! Es wurde uns klar: So viel können wir gar nicht sammeln, was die Verteuerung in einem Jahr ausmacht.

Unsere Geduld wurde in dieser Zeit auf eine harte Probe gestellt. Dabei bedeutete in diesen Jahrzehnten "Kirchenbau" etwas Besonderes in meinem Leben, in meinem Glauben und in meiner Frömmigkeit. Es hatte ja im Aufbau unserer zerstörten Heimatkirche begonnen, setzte sich fort im Bau der Kirche in Heidenheim - Mergelstetten, für deren Finanzierung ich schon als Vikar auf Bettelpredigt ging. Bei einem Diözesantreffen des Heliand in Friedrichshafen bot ich einer Gruppe "Kirchenbau heute" an, und besorgte mir dazu Dias von dem Pater aus Münsterschwarzach, dessen Lichtbildervortrag ich gesehen hatte. Ich war überzeugt, das eine Gemeinde nur aufgebaut und zu lebendigem Glauben geführt werden kann, wenn eine entsprechende Kirche vorhanden ist. Dies entsprach meiner damaligen Erfahrung: In den Außenorten, in denen kein eigener Raum vorhanden war, verdorrte das Glaubensleben unserer Leute. Es waren nur ganz wenige, die einen Kontakt zu unserer Gemeinde und unseren Gottesdiensten hatten. Obwohl alle unsere Leute die "Reingeschrneckten" waren, auf dem Platz vor der Kirche waren die Gruppen aus den verschiedenen Orten schon wieder getrennt. So ging der Weg eigentlich nur über ein eigenes Haus. Die Bauphase war immer eine ganz kreative Zeit. Da hatten die Leute ein konkretes Ziel vor Augen und dafür setzten sie sich ein, erstaunlich nicht nur die Katholiken. Nach der Kirchweihe kam es jeweils aber zu einer Ernüchterung.
 

Der Kirchbau beginnt
Nachdem wir endlich zur Pfarrei erhoben waren und meine Investitur als erster Pfarrer vor sich gegangen war, ich kam mir dabei allerdings etwas seltsam vor, konnte es mit dem Bau richtig losgehen. Es kamen die Ausschreibungen und dann die Angebote der Firmen, und damit neue Sorgen. Es war eigentlich klar, dass die Firma Eckert den Zuschlag für die Rohbauarbeiten erhalten sollte. Welche Preise wird Herr Eckert in das Leistungsverzeichnis einsetzen? Geht es wieder wie beim Pfarrhausbau in K-furt? Gott sei Dank war das Ergebnis annehmbar. Dennoch gab es bei der Arbeit Schwierigkeiten. Eigentlich war die Firma für ein solches Projekt zu klein. Sie hatte zu wenig Arbeiter; eine Hand voll kam täglich von Empfingen bei Horb mit einem Kleinbus angefahren. Aber wenn Arbeit auf dem Feld angesagt war, dann blieben sie zu Hause. Daher ging es nur schleppend voran. Dazu hin gab es keinen Fachmann, der die Unterlagen des Statikers entsprechend lesen und umsetzen konnte, sodass dieser von Ulm herfahren musste, um die entsprechenden Anweisungen an Ort und Stelle zu geben. Die seitlichen Lammellen und die Widerlager zum Aufsetzen der Dachkonstruktion waren etwas anderes, als was sonst im Hausbau betoniert wurde. Die entsprechenden Holzverschalungen mussten ja ganz genaue Neigungswinkel aufweisen, in die der Beton eingebracht wurde.

Die Auswahl des Materials, in dem die Dachkonstruktion durchgeführt wurde, war eine eigene Sache: Stahl, Beton oder Holz? Wir ließen uns Angebote von entsprechenden Firmen geben. Das Ergebnis war, dass die Ausführung in verleimten Bindern das Günstigste war. Fast täglich war ich am Bau, schon um zu sehen ob die Handwerker überhaupt da waren. Und dann gab es unendlich viele Schwierigkeiten. Mein Bruder, der Architekt von Ulm, kam wohl ein oder zweimal in der Woche um selbst nach dem Rechten zu sehen. Doch häufig musste rascher entschieden und gehandelt werden. Dabei erreichte ich meinen Bruder oft erst am Telefon kurz vor Mitternacht. Zum Beispiel waren die Binder der Dachkonstruktion für den am Bau stehenden Kran zu schwer, um sie an Ort und Stelle zu heben. Es musste ein stärkerer Kranenwagen von Reutlingen geholt werden. Dieser verlangte zuerst den Bau einer Strasse, auf der er mit dem schweren Fahrzeug bis an den Bau heranfahren kann. Der Chef der Lieferfirma aus Ulm war anderer Ansicht und schickte von Ulm ein entsprechendes Fahrzeug, das die Arbeit ohne vorherigen Straßenbau tätigte. Ähnliche Ereignisse zerrte an den Nerven. Aber als die Außenmauern standen, konnten wir die Grundsteinlegung feiern.

Das Einfachste und Erstaunlichste war de Bau des Turmes. Schon das Fundament war gar nicht so tief, wie der Laie sich das vorstellt. Dann wurde nur Einmal eine Holzverschalung gebaut, die mit Beton gefüllt wurde. Bald hatte der Beton abgebunden. Dann wurde die Verschalung vom Kran hochgezogen und Innen die Treppe angebracht. Das Biegen und Einbringen der Stahlgewebe dauerte am längsten. Alle paar Tage wuchs der Turm um ein Stockwerk. Erst am Schluss die Glockenstube benötigte eine eigene Verschalung.

Es war mühsam! Täglich schaute ich auf die Baustelle mit der Frage: Sind die Handwerker da? Oder waren es wieder leere Versprechungen? Oft erneutes Telefonieren und Druck machen! Bei entstehenden Fragen Entscheidungen treffen; wenn ich selbst mangels Fachwissen nicht entscheiden konnte, meinen Bruder fragen. Meist erreichte ich ihn erst am Abend zwischen 22 und 24 Uhr, denn er konnte ja nicht täglich von Ulm auf die Baustelle kommen. Und manchmal hatte ich fast Mitleid mit den Meistern, wenn ihre Mitarbeiter wieder schlampig gearbeitet hatten und sie nachexerzieren mussten. So z.B. mit dem Schreiner: Von etwa 2 Dutzend Türen waren ein paar nicht angeschlagen worden, weil jeweils irgend eine Kleinigkeit nicht stimmte. Mit nur ein wenig Denken wäre die Sache zu beheben gewesen. War es Faulheit oder Dummheit?

Der eigentliche Stress kam aber erst in den letzten beiden Wochen; der Termin der Kirchweihe war auf den 4. Dezember 1964 festgelegt, der Termin war längst mit dem Bischof vereinbart und die Gäste eingeladen. Es gab kein zurück! Jetzt kamen die Handwerker in Scharen! Natürlich behinderten sie sich gegenseitig. Jeder wollte an seinen Platz, an dem er zu arbeiten hatte. Da half ich zu vermitteln und Absprachen zu treffen. Und da wurde nicht nur zu den üblichen Zeiten gearbeitet, sondern oft weit in die Nacht hinein. Gott sei Dank war die Elektroinstallation fertig, sodass das Licht Tag du Nacht brennen konnte. Es waren ja dunkle Wintertage! Wir staunten später, welche Stromrechnung uns dafür ins Haus flatterte.

Ein Kraftakt war natürlich das Reinigen der Kirche und aller anschließenden Räume. Viele freiwilligen Helferinnen waren bereit mitzuhelfen. Aber wie putzt man am besten den Boden? Schieferboden, ob gebrochen oder geschliffen, hatte noch nie jemand geputzt, ebenso das Hartholz unter den Bänken. Erst nach der Kirchweihe ließ ich einen Fachmann kommen, der uns genau sagen konnte, was das Beste ist. Es war alles viel einfacher als gedacht, aber in der Aufregung vor der Weihe gingen die Ansichten weit auseinander.

Ursprünglich hatten wir auf den Rat von Domkapitular Großmann eine Kommunionbank geplant. Aber als mein Freund Heiner Rennings, Referent am Liturgischen Institut in Trier, später Professor für Liturgie in Paderborn zu Besuch kam, überzeugte er mich, die Kommunionbank wegzulassen. 2 Wochen vor der Weihe kam Anton Großmann und sagte: Ihr könnt den Tabernakel auf die Seite setzen! Bisher war strikt verlangt den Tabernakel auf den Altar zu stellen. Wir konnten natürlich in so kurzer Zeit keine Stele mehr herstellen lassen und stellten den Tabernakel auf einen kleinen Tisch an der Seite.

Der Tabernakel selbst war bewusst so nieder hergestellt worden, damit der Priester hinter dem Altar stehend über ihn zum Volk hinwegsehen konnte. Auf der Tabernakeltüre war dieser kleine Fisch von den Urweltfunden aus Holzmaden angebracht, und daher auch der ganze Tabernakel mit Schiefer umkleidet. Die Idee kam von meinem Bruder, der durch einen Nachbar zuhause, der Studienrat in einem Ulmer Gymnasium war, angeregt wurde. Dieser hatte für seine Naturaliensammlung einen solchen Fisch von Holzmaden besorgt, deren Alter
auf 200 Millionen Jahre geschätzt wird. Ein sprechendes Symbol für lebendigen Christus, wie ihn ja die Christen in den ersten Jahrhunderten schon darstellten.

Auch die Madonna mit Kind wurde nun aufgestellt. Für die Renovation unserer Heimatkirche hatte mein Bruder durch den Pfarrer eine Antiquitätenhandlung in München kennen gelernt. Dort hatten beide nicht nur für unsere Heimatkirche eine Madonna erworben, sondern eine andere gesehen. Als ich durch München kam, schaute ich dorthin, hatte aber wenig Hoffnung diese Figur erwerben zu können. Im Gespräch mit dem Besitzer stellte sich heraus, dass er sehr interessiert war daran, dass diese Madonna in eine Kirche kommt. Er war bereit den Preis auf 12000 DM zu senken. Wir wollten diese Summe aber keinesfalls aus dem großen Topf nehmen. Vielmehr war der KGR bereit dem Kauf zuzustimmen, wenn wir das Geld separat auftreiben. Wenn wir am Schluss in zu hohe Schulden kommen, können wir die Madonna immer noch verkaufen. Den Löwenanteil der Summe erhielt ich durch persönliche außerordentliche Bettelpredigten in meiner Heimatgemeinde in Ulm und meiner Vikarsgemeinde in Heidenheim.

Auch das Kreuz über dem Altar hat seine eigene Geschichte. Ebenfalls über Heiner Rennings habe ich die Adresse eines Künstlers erhalten, der in Bronzeguss arbeitete. Als Geschenk des Studentenkreises übergaben wir Heinz und Annemarie Bieri in Luzern zur Hochzeit einen schönen großen Kerzenständer von diesem Künstler. Ich nahm Verbindung mit demselben wegen eines Kreuzes über dem Altar auf. Zufällig hatte er einen Corpus fertig gegossen da. Ich bat ihn uns zuzuschicken, wenn er uns gefällt, behalten wir ihn. Als wir ihn sahen waren wir froh, dass wir überhaupt einen Corpus hatten. Wir legten ihn vor dem Altar auf den Boden und versuchten mit einem großen Papier darunter die entsprechende Größe des Kreuzesbalken festzulegen. Der Schreiner fertigte die Balken, der Corpus wurde befestigt und an der Decke aufgehängt. So bewährt sich der Spruch: Nichts hält länger als ein Provisorium.

Denn eigentlich dachte ich später doch noch ein passenderes Kreuz zu finden. Wegen des seitlichen Lichteinfalls wäre es besser einen Corpus zu haben, dessen Arme nach rückwärts etwas gebogen wären. Ich lernte später Franz Niederleimbacher im Stubaital kennen, der solche Dinge sehr gut herstellen kann. Ich sprach einmal mit ihm darüber und meinte, es wäre das Beste, er würde selbst einmal den Raum der Kirche ansehen und erfahren. Ohne je einen Auftrag ihm erteilt zu haben, rief er eines Tages an, der Corpus sei fertig. Leider musste ich ihm sagen, dass es so nicht gehen kann. Und als ich den Corpus an Ort und Stelle sah, entsprach er überhaupt nicht unseren Vorstellungen. Dafür habe ich später in Denkendorf und für die Kapelle im Robert Bosch Krankenhaus einige Stücke von ihm machen lassen.

Die Beleuchtung war ein besonderer Fall: Ursprünglich dachte der Architekt mit den seitlichen Strahlern allein auszukommen. Das erwies sich als Irrtum. Daher mussten in der Mitte noch hängende Lampen dazu kommen. Die Ansprüche an die Lichtstärke wuchs im Lauf der Jahre, ich habe dasselbe in der Kirche in Denkendorf erlebt.

Für die Akustik war von Anfang an ein Gutachten erbeten worden. Als der Rohbau fertig war, kam der Fachmann um das Errechnete praktisch zu prüfen. Er gab mit einer Pistole einen Schuss ab und stoppte die Nachhallzeit mit der Stoppuhr: Mit 3 Sekunden war sie für Musik ideal, aber fürs Sprechen zu lang. Daher empfahl er Teppiche vor und hinter den Altar zu legen, und dazu unter die Bänke entsprechendes Material zu befestigen. Damit hatten wir auch eine gute Sprechakustik. Allerdings ist das Erstaunliche, dass ein Sprecher hinter dem Altar am besten verständlich ist. Die ersten Bänke sind die Gefährdesten, weil dort der Schall sich bricht. Steht ein Sprecher dort, versteht man ihn ganz schlecht. Das war schon im Akustik - Gutachten errechnet worden.

Ein besonderes Problem waren die Kniebänke. Man hatte damals noch wenig Erfahrung, wie stark eine solche Stahl - Holzkonstruktion sein muss. So geschah es, dass beim Weihegottesdienst eine Kniebank krachte (vermutlich waren besonders "schwere Jungs" in der Bank) als diese niederknieten. Daher musste Schlosser Eitel nachbessern mit kleinen Füßen, was den Nachteil hat, dass man bei aufgeklappter Kniebank leicht anstößt und sich verletzt. Damals hatte man noch keine Hemmungen Teakholz zu verwenden, da die Rodung der Urwälder noch kein Thema war. Mein Vetter Ernst Schweitzer, der die Bänke herstellte, sagte mir, dass er sie aus 2 Bäumen gemacht habe, die er bereits in Hamburg am Hafen auf entsprechende Stärke sägen ließ.

Ursprünglich sollten die Lamellen in Sichtbeton bleiben. Da sie aber nicht genau und sauber genug gearbeitet waren, wurden sie weiß geschlemmt. Für die Glasarbeiten war es schwierig eine Firma zu finden, die eine solch knifflige Aufgabe lösen konnte. Mein Bruder kannte eine entsprechende Firma, näher hin einen Glaser, der sich das zutraute, aber nicht genügend Geld hatte um das kostbare Glas kaufen zu können. Also kauften wir selbst das Glas; der Mann kam mit seinem Wohnwagen, den er neben die Kirche stellte, und führte zusammen mit seiner Frau die Arbeiten aus.

So näherte sich der Weihetermin, die Nerven waren nicht nur bei mir ziemlich strapaziert, und nach all den Geschehnissen waren wir natürlich sehr gespannt, was unser Bischof Carl Joseph bei der Weihe wohl sagen würde. Erstaunlicherweise war er voll des Lobes; nur dass die rückwärtigen farbigen Fenster bis zum Boden gingen, beunruhigte ihn, es könnte sein, dass jemand beim rückwärts - Gehen ein Fenster beschädigt. Daraufhin brachten wir ein Geländer an, damit niemand dem Fenster zu nahe kommen kann.

Der Gottesdienst war feierlich und schön, die Freude groß. Danach gab es ein Mittagessen mit geladenen Gästen und verschiedenen Reden. Ich weiß nur noch, dass Herr Rudolf Prettel als 2. Vorsitzender vor seiner Lobrede auf mich sagte: "Jetzt weiß ich, dass einer rot wird!" Ob das heute auch noch so ist? Ich vermute es fast. Und dann hat mein Bruder als Architekt es nicht verwinden können etwa folgendes zu sagen: "Trotz mehrfacher Ablehnung der Entwürfe durch das Bischöfliche Ordinariat, konnte unser Bischof heute ein volles Lob aussprechen!" Wie mir Done Großmann später berichtete, hat am Abend der Bischof seinen Unmut über diese Bemerkung ihm ausgedrückt. Dennoch: Ende gut, alles gut!

Anton Durner